Aktion „Erntefest“

Am 3. November 1943 begann in Majdanek unter dem zynischen Decknamen „Erntefest“ eine unvorstellbare Massenexekution von jüdischen Häftlingen. Ihren Ursprung hatte diese Aktion offenbar im August 1943, als Himmler erste Erwägungen anstellte, die noch im Distrikt Lublin verbliebenen Jüdinnen und Juden zu ermorden, ein Vorhaben, dass - unmittelbar nach dem Aufstand und der Massenflucht von Häftlingen aus Sobibor - in der zweiten Oktoberhälfte zum festen Beschluss wurde. Zur Rechtfertigung dienten Himmler unter anderem Sicherheitsbedenken, aber natürlich stellten die in Majdanek Internierten keine wirkliche Bedrohung dar, sondern sollten im Rahmen der „Endlösung“ aus rassistischen Motiven ermordet werden.

Ende Oktober 1943 wurden in der Nähe des neuen Krematoriums im hinteren Teil des Lagers in großer Eile drei jeweils 100 Meter lange und bis zu drei Meter tiefe Gräben ausgehoben. Am späten Abend des 2. November fand dann in Lublin eine Besprechung der lokalen SS-Spitze statt, an der auch die Führer der an der Massenexekution beteiligten Einheiten teilnahmen, deren Stärke auf 2.000 bis 3.000 Personen geschätzt wird.

Am Morden des 3. November 1943 - später auch als „Schwarzer Mittwoch“ bezeichnet - zogen diese Einheiten einen undurchdringlichen Kreis um das Lager Majdanek, während zeitgleich aus den anderen Lagern und Außenkommandos weitere jüdische Frauen und Männer nach hier herbeigetrieben wurden. Wer dabei einen Fluchtversuch unternahm, wurde auf der Stelle erschossen. Im Lager selbst mussten sich die jüdischen Häftlinge zum „Feld 5“ begeben, dass in der Nähe der ausgehobenen Gräben und des Krematoriums lag. Sie wurden in die dort stehenden Baracken getrieben, wo sie ihre Wertgegenstände abgeben und sich anschließend nackt ausziehen mussten. Daraufhin trieb man sie in Hundertergruppen in einen der drei Gräben, wo sie durch Genick- oder Kopfschuss, zum Teil mit Maschinengewehr-Salven exekutiert wurden. Um die nicht enden wollenden Schüsse zu übertönen, wurde aus zwei Funkwagen in extremer Lautstärke Märsche und Walzer von Johann Strauß gespielt. Die Erschießungen dauerten von 6.00 bis 17.00 Uhr und endeten erst mit Einbruch der Dämmerung. In diesen elf Stunden waren geschätzt zwischen 16.000 und 18.000 Jüdinnen und Juden erschossen worden.

Am Ende des Tages waren fast alle in Majdanek und den Lubliner SS-Arbeitslagern Internierten ermordet worden. Jene, die versucht hatten, sich in einer der Baracken zu verstecken, wurden nach und nach entdeckt und ebenfalls umgehend erschossen. Eine Chance zum Überleben hatten nur jene wenigen Jüdinnen und Juden, die im Lager unter falschen Namen als nichtjüdische polnische Häftlinge geführt wurden.

Zunächst verschont wurden allerdings rund 600 Frauen, die im sogenannten „Filzkommando“ die Kleidung der bei dem Massaker Ermordeten durchsuchen und sortieren mussten. Ein weiteres, aus Männern zusammengesetztes Kommando, wurde gezwungen, den Leichen die Goldzähne herauszubrechen und sie anschließend zu verbrennen - eine Aktion, die rund zwei Monate dauerte. Im April 1944 wurden sie dann nach Auschwitz gebracht und dort ihrerseits ermordet. Nur ganz wenigen von ihnen gelang es, während des Transports zu fliehen.

Nach Abschluss der Aktion „Erntefest“ setzten sich die Erschießungen in weiteren Gettos und Lagern des Generalgouvernements - etwa in Trawniki und Poniatowa - bis Juli 1944 fort. Insgesamt wurden im Zusammenhang mit dieser Aktion diesem etwa 42.000 Jüdinnen und Juden ermordet.

 

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